“Was hättest du für einen Namen, wenn du König von Holland würdest?”, fragt mein älterer Bruder U. mich. Eine gute Freudin habe ihm ja vor kurzem den Beinamen “U. der Mittelmäßige” gegeben.Wie dies zustande gekommen sei, möchte ich wissen. Er habe nur laut überlegt, wie seine Untertanen ihn nennen würden, erzählt er. Also habe er zu ihr gesagt “Naja, ich bin nicht groß, aber auch nicht klein.” Das sei eine Weile so gegangen: Er sei nicht dieses, aber auch nicht jenes… Ich schaue ihn fragend an. U. sagt: “Ich wollte nur erreichen, dass man mich Uli den Bescheidenen nennt.”
Vor einem guten Dreivierteljahr bat ich meinen Vater, meine Masterarbeit für mich ausdrucken und binden zu lassen, weil ich an dem Tag vor Abgabe arbeiten musste. Die Datei lag auf seinem Desktop, in einer gesonderten Datei fand der gute Mann das Deckblatt - schlicht und nach dem Musterdeckblatt des Prüfungsamtes gestaltet, denn sonderlich viel Kreativität wurde in dieser Hinsicht an meiner Uni nicht gewünscht.
Nun ist mein Vater erstens Rentner, und zweitens sehr hilfsbereit. Natürlich stimmte er zu. Aber weil er wirklich sehr nett ist, wollte er mir zusätzlich helfen. Ich hatte ihm extra eingeschärft, NICHTS mehr an dem Dokument zu verändern. Abends ging ich in sein Arbeitszimmer und fand ein übrig gebliebenes ausgedrucktes Deckblatt, von meinem Vater hübsch verziert mit dem Bild eines alten Buchcovers. Fehlt nur Comic Sans!, dachte ich und fing an zu schwitzen.
Ach Väter. Zu nett manchmal.
Ich konnte dann aber doch noch verhindern, dass er sein optimiertes Deckblatt verschickte. Auch wenn er es so liebevoll verbessert hatte.
Einmal wieder durch den Garten und sich überall was pflücken. Auf Knien durch das Erdbeerbeet robben, die Früchte suchen, die schon reif sind. Oma bekommt auch eine ab, ungewaschen schmecken sie am besten. Später im Jahr dann die sauren Stachelbeeren und Opa gibt uns eine Leiter, damit wir an die Kirschen kommen. Foxterrier Bino läuft hinter uns her. Wir brechen uns einen Bambuszweig ab und rennen damit durch den Garten, Bino verfolgt die raschelnden Zweige und schnappt immer wilder nach dem flirrenden Grün.
Zu Stoppelmarktszeiten dann zu Tante Mimi. Immer erst in den Garten, zu den Mirabellen. Hinten ist es schattig, fast laubenartig, die Mirabellen sind weich und süß, die Kerne spucken wir in die Blumenbeete. Später einmal, als ich viel älter bin, ist Tante Mimi einmal traurig. Ich sage ihr, ich käme sie bald einmal besuchen, wenn ich meinen Führerschein habe. Ich vergaß es, so schnell, wie es gesagt habe. Meiner Mutter sagte Tante Mimi öfter, ich solle doch einmal vorbeikommen, sie wolle mir doch noch eine Tankfüllung spendieren. Dann war Tante Mimi tot, und ich habe sie nie besucht.
Gestern musste ich einen Anruf bei den Kollegen tätigen und ihnen sagen, dass unser Autor eventuell tot sein könnte. Ja, eventuell. Und nein, dann könne er nicht die 70 Zeilen vorbei bringen.
Bei einem Termin hatte ich davon gehört, beziehungsweise ich wurde gefragt, ob es denn stimme? Ob der alte Mann heute gestorben sei? Um elf Uhr hätte ich noch mit ihm telefoniert, antwortete ich, da habe er munter geklungen. Als Gerücht tat ich es ab - und wurde von Stunde zu Stunde nervöser.
Sollte ich ihn anrufen? Aber was sagen, der Herr ist kein Mann großer Worte, mein vorheriger Anruf bei ihm war schon seltsam gewesen. Falsch verbunden, so beschloss ich, sollte meine Ausrede sein, doch niemand nahm ab.
Als der Herr dann schließlich sein handgeschriebenes Zettelchen vorbeibrachte, in seiner 50er Jahre-Schrift auf Werbeblock, empfingen ihn die Kollegen freundlich wie nie zuvor. Ob er sich gefreut hat, der Mann im Ausgeh-Cordanzug mit Hut auf dem Kopf, ein zackiges Moin auf den Lippen, die Redaktion in einen Hauch Viehhandlungs-Duft einhüllend? Ob er weiß, dass er eigentlich schon totgesagt war?
Manche träumen ja von dem Roman, den sie einmal, eines Tages, schreiben werden. In meiner Großmannssucht reicht mir das nicht: In meinem Sehnen erdenke ich mir nicht einmal meinen Erstling, sondern bereits den Nachfolgeroman der großen Serie (ja, die feine Dame möchte gleich eine Serie). Genau gesagt: Das Vorwort. Es bekäme zweifellos ein ebenso pathetisches Vorwort wie Artur Landsbergers Millionäre. Ganz in seinem Stile. Leser! finge ich an. Dem würde eine herrliche Leser-Lobhudelei folgen, wie gemacht zur feierlichen Deklamation, ein Bühnenvorwort voller Rhethorik und allem Tamtam. Dazu passend veröffentlichte ich einen Adelsroman voller Intrige, Hass und liebenswürdigen Komtessen. Ich werde also bald zur Inspiration mal wieder die Gala kaufen und über den europäischen Hochadel lesen müssen - der Erstling muss ja bald mal auf’s Papier gebracht werden.
Manchmal, wenn es ganz schlimm ist, stelle ich mir vor, zu diesem Lied mit heruntergelassenem Fenster die Flanierstraße entlang zu fahren und jungen Männer zuzuschnalzen, bis sie verlegen weggucken. Dann ist asi meine Rettung. Nichts macht so gleichgültig gegenüber allem anderen, nichts macht manchmaler unverwundbarer als eine “Kein Grund dafür, bin aber trotzdem geiler als alle anderen”-Attitüde. Obwohl ich die gleiche Haltung an Vernunfts-Tagen bestenfalls dumm finde. Aber an wenn alles nichts hilft, dann muss ich mir ein asiges Arroganzschild vor das Gesicht halten, damit niemand sieht, wie doof ich mich gerade fühle.
Ich habe den Provinz-Blues, der mich manchmal überkommt, wenn ich an die schöne große Stadt denke, in der C. sitzt. Wie gerne ich in den Straßen umherwandern würde, denke ich dann, und niemand würde mich kennen! und muss mir gleich selbst sagen, verdammt, hier kennst du doch auch wenige. Und dann denke ich die vielen Kinos, an die Museen, die Cafés. Wenn ich da wäre, würde ich vielleicht nicht einmal hingehen, aber das ändert nichts, denn: Ich könnte jederzeit hin. Die Alster, die Elbe, an diesigen Tagen, dann besonders. Ach Hamburg, du Schöne, hoffentlich führen wir zwei irgendwann wieder keine Fernbeziehung mehr.
In den vergangenen Tagen habe ich eine strenge Sekte um ein bayerisches Fabelwesen mitbegründet, Frösche bei hemmungslosen Fickorgien betrachtet und bei mehreren DJs “Karel Gott oder Madonna!” gefordert.